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Montag, 20. Oktober 2008

Israel - Die Juden Akkos warnen

Von Gideon Levy, Haaretz 12.10.2008

Eine junge Frau mit Kopftuch und einem Baby im Arm stand gestern hinter einem vergitterten Fenster und schrie: "Holt die Araber hier raus! Wir wollen sie nicht … sie haben unser Leben hier zur Hölle gemacht …".

Die Rollläden der benachbarten Wohnung sind zerschmettert. Ihre früheren Bewohner, die Familie von Mahmoud Samary, sind weggegangen; sie sind vorrübergehend vor dem Steinhagel auf ihre Wohnung geflohen. Die junge Frau schreit weiter: "Sie sollen weggehen. Die Araber holen sich unsere Mädchen."

Es war Samstagnachmittag in der Nr. 18 der Burlastraße in Akko - Teil eines übervölkerten, schändlich vernachlässigten Wohnprojekts, in dem drei arabische und 29 jüdische Familien in einem einzigen Gebäude wohnen. Am Eingang des Gebäudes stand eine Gruppe Polizisten herum. Am Straßenrand stehen PKWs mit zerbrochenen Fenstern.

Es war nicht nur Bosnien, an das ich gestern hier erinnert wurde. Die Stadt erinnert mich auch an Nablus - Kontrollpunkte an jeder Ecke, Hunderte von Polizisten unter jedem vertrockneten Baum. Eine Stadt, die eine Touristenattraktion sein könnte, ist stattdessen eine der elendsten in Israel. Mein Kollege Jack Khoury, ein israelischer Araber, sagte, als wir den Stadtteil betraten: "Ich hätte nicht geglaubt, dass ich hier mit so viel Angst und Spannung fahre".

Ein junger Mann, der in diesem Haus lebt, sagte aggressiv zu uns: "Wagt nicht die Altstadt zu betreten. Die Araber werden euch mit Messern töten." Er wollte auch, dass wir seinen Stadtteil verlassen.

Aber die Altstadt - nur wenige Fahrminuten entfernt - war eine andere Welt: in jenem schönen, aber vernachlässigten Stadtteil, der gestern nahezu leer war, trauerten die Leute über die Streichung des Akko-Theaterfestivals - sie sprachen noch immer von Frieden und Koexistenz.

Akko ging auf einmal in Flammen auf. Es war ein Zusammenstoß zwischen Armen und Armen, Juden und Arabern, angestachelt von Nationalisten - mit einem religiösen Feiertag als Katalysator, der gefährlichste aller möglichen Zusammenstöße, der eine Feuersbrunst zu anzufachen drohte.

Das Feuer war zur Zeit des Berichtes erloschen, aber gestern Nachmittag sah es so aus, als ob es von neuem ausbrechen könnte. Junge Männer aus dem Hausprojekt hatten sich verabredet, sich um 7:30 Uhr an diesem Abend zu treffen - Gott weiß warum.

Doch auch wenn das Feuer jetzt gelöscht wurde - so wird es sich eines Tages wieder entzünden. Diese bi-nationale Stadt sitzt auf einem Vulkan - einem Vulkan von Nationalismus und Elend, Angst und Hass.

Wenn das Hausprojekt zum spannungsgeladensten Teil der Stadt gehört, so gehört die Altstadt zum traurigsten Teil, wo die leeren Hallen (alte Karawansereien, d.Übers.) das einzige sind, was vom Theaterfestival blieb, das diese Woche stattfinden sollte.

Die Scheinwerfer sind schon entfernt worden, die Schauspieler und Theaterdirektoren sind gegangen, die Tische des Cafés auf dem Rasen bleiben zusammengeklappt. Anstelle eines Festivals bekam Akko einen Skandal - den Skandal der Stornierung.

Die technische Mannschaft meinte, es sei unerhört, das bedeutendste Ereignis im Akko-Jahr nur wegen 100 oder 200 Verrückter zu streichen. Sie schlugen vor, stattdessen ein Fest der Versöhnung zu feiern und versprachen, für die Sicherheit der Gäste zu sorgen. ‚Man streitet sich auch mal mit seiner Frau und geht dann wieder mit ihr ins Bett’, verglich einer, Asfari Khalil.

Munir Abu al-Tayir, der Granatapfelsaft verkauft, hatte den ganzen Tag über nur genau zwei Gläser verkauft. In einer nahen Felafelbude antwortete ein junger Araber auf jüdische Behauptungen, dass der Krawall durch einen arabischen Fahrer provoziert worden war, weil er an Yom Kippur laute Musik hören ließ. Er sagte, dass während des Ramadan die Juden arabische Gefühle beleidigt und Bier getrunken hätten. Aber es hätte keinen arabischen Krawall gegeben. Issam Jalem, Barbier, warnte davor, dass ohne das Festival die ‚Dinge nicht gut gehen werden’.

Allen war klar, dass die voreilige Entscheidung des Bürgermeisters Shimon Lankri, das Festival ausfallen zu lassen, nur einen Zweck hat: die Araber zu strafen, die bei dem Festival ihren Lebensunterhalt verdient hätten.

F. ein arabischer Bewohner der vor allem jüdischen Kibbutz-Galuyotstraße floh mit seiner Familie. Nun befürchtet er, dass sein Haus angezündet wird. Salim Majami, ein Stadtrat, denunzierte alle Extremisten, die jüdischen genau wie die arabischen.

Daoud Halila, Direktor einer non-profit Organisation, klagte die Polizei an, sie würde die Juden verhätscheln. Der Kommunist Salim Atrash gibt die Schuld dem "disengagement", dem Herausholen der Siedler aus dem Gazastreifen; denn danach wurde eine extremistische Yeshiva in der Stadt eröffnet, von der die Flammen (des Hasses) angeheizt wurden.

Atrash zog die Kopie einer Notiz heraus, die im Internet zirkulierte: "Wir werden nichts mehr von Arabern kaufen, wir werden keine Rücksicht mehr auf ihre Feiertage oder ihre Orte nehmen. Ihr Araber von Akko sucht einen Platz in den Dörfern!" Die Notiz war mit einem Epigramm gezeichnet: "Ein Jude ist der Sohn eines Königs, ein Araber ist der Sohn eines Hundes."

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs

Quelle:http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005311.html

Samstag, 11. Oktober 2008

Der Nahostkonflikt und die Geschichte des Zionismus




"Virtuelle Reprints"

Das Ende Israels?
Nahostkonflikt und Geschichte des Zionismus,

herausgegeben von von Eike Geisel und Mario Offenberg
Westberlin 1975

Nathan Weinstock

Die Entstehungsgeschichte Israels von 1882-1948

1. Eine marxistische Interpretation des jüdischen Problems
2. Bedeutung und Entstehungsgeschichte des Zionismus
3. Palästina zum Zeitpunkt der Geburt des Zionismus
4. Die Anfänge der zionistischen Ansiedlung in Palästina
5. Der Zionismus, das türkische Reich und die Araber
6. Der erste Weltkrieg und die Balfour-Deklaration

7. Die britische Politik in Palästina (1918-1939
8. Die Entwicklung des jüdischen Gemeinwesens in Palästina unter dem britischem Mandat
9. Die arabische Nationalbewegung in Palästina zwischen den beiden Weltkriegen

10. Die Palästinensische Arbeiterbewegung 1918-1939
11. Das britische Weißbuch von 1939 und der 2. Weltkrieg
12 Das Ende des britischen Mandats


Mit der virtuellen Wiedergabe des I. Kapitel beenden wir das Wiederzugänglichmachen dieser vergriffenen Schrift. Sowohl das II. Kapitel "Charakter und Entwicklung des Staates Israel (1948-1970)" als auch die Einleitung der Herausgeber, die Vorbemerkung des Verfassers und die Matzpen-Dokumente bringen aus unserer Sicht keinen Erkenntnisgewinn über die Entwicklung des Staates Israel, betrachtet unter dem Gesichtspunkt von Klassen- und Klassenkämpfen.

"Das Buch diente lediglich dazu, das gute Gewissen von bekennenden und unbewussten Antisemiten zu nähren.", schreibt Nathan Weinstock heute nach mehr als 30 Jahren. Damit reduziert er den Anspruch seiner Untersuchung auf das Niveau einer politischen Kampfschrift. Dem können wir uns nur bedingt anschließen. Zwar ist seine damalige trotzkistische Orientierung und die seiner Herausgeber überdeutlich zu spüren, doch führt sie nach unserem Erkenntnisstand nicht zu tief greifenden Geschichtsklitterungen(1) in den reprinteten Teilen. Schließlich existiert unseres Wissens keine vergleichbar geschlossene Darstellung der Entstehungsgeschichte Israels vom Standpunkt des historischen Materialismus.

So, wie die deutschsprachige Linke sich mehrheitlich unter dem Einfluss der "Antideutschen"(2) gegenwärtig zum Krieg in Nahost und seiner Genese inhaltlich positioniert hat, ist eine Untersuchung vom Standpunkt des historischen Materialismus auch nicht zu kriegen, stattdessen dominiert der "Anti-Antisemitismus", das heißt eine auf der Basis der Massenpsychologie und der Ideologiekritik daherkommenden Behandlung der Klassenauseinandersetzungen in Nahost.

Die Herausgeber im Dezember 2004

Anmerkungen

1) Außer in Bezug auf die Darstellung der Rolle der Sowjetunion, was aber im Hinblick auf den behandelten Gegenstand im Kapitel I nicht allzu schwer wiegt. Bedeutsam wird dies im Unterkapitel "Das Ende des britischen Mandats", wo die treibende Rolle des SU im Hinblick auf die Staatsgründung Israels und die Unterstützung der damaligen kommunistischen Weltbewegung nahezu ausgeblendet wird. Siehe dazu von Paul Merker: Der neue Staat des jüdischen Volkes. Erst im II. Kapitel tritt tatsächlich der Effekt ein, von dem der Autor heute spricht, wenn als Meßlatte für eine linke Position, die Anerkennung des Staates Israel genommen wird.

2) Siehe dazu: Thomas Haury, Der neue Antisemitismusstreit der deutschen Linken, in: Neuer Antisemitismus, Hrg.: Rabinovici, Speck, Snaider, Ffm 2004

Quelle: http://www.trend.infopartisan.net/reprints/weinstock/index.html